ICOs sind eine riesige Industrie: In den ersten sechs Monaten 2018 wurden weltweit über 6 Milliarden Euro gesammelt. Die Versuchung ist groß, durch zweifelhafte oder gar illegale Methoden am ICO-Kuchen mitzunaschen. Wir zeigen die Tricks. 

Coinflipper – oder warum wir bei ICOs nicht gewinnen können

„Bei ICOs gibt es die Praxis des ‚Flipping Coins,“ erzählt Bruno Skvorc von der forensischen Blockchain Analysefirma Bitfalls auf der Blockchain Innovation Conference. „Wale, also Großinvestoren kaufen sich mit großem Bonus ganz früh in einem Projekt ein. Sobald der Token an einer Börse gehandelt wird, verkaufen sie zum Ausgabepreis und machen Gewinn.“

Coins zu flippen kann aber nicht jeder. Denn um in den frühen Genuss eines hohen Bonus zu kommen, braucht es oft hohe Investitionssummen. ICOs staffeln mit Seed Sales, Private Sales, Pre-Sales, sodass Kleininvestoren nie rechtzeitig zum Zug kommen. Wer also ICO Token zum Ausgabepreis kauft, hat schon verloren.

Bruno Skvorc geht noch einen Schritt weiter: „Die ICOs werden zur Geldwäsche verwendet. Investoren, die mit illegalen Geschäften zu Ether gekommen sind, tauschen sie bequem in Token eines ICOs um. Von dort via Bitcoin und Monero zu Fiat.“

Mauscheleien auf ICO-Rating Seiten

„Webseiten, die über ICOs berichten, verlangen mittlerweile fast alle ein ‚Bestechungsgeld‘“, schließt Bruno Skorvc an. „Das wird solange bleiben, bis Facebook, Google und Twitter ihren ICO-Werbebann aufhebt.“ Wir haben recherchiert: Für das Publizieren einer Pressemitteilung nehmen ICO-Websites zwischen 350 Euro und 2 Bitcoin (11.000 Euro).

Ganz besonders teuer ist ICO Bench. Die Rating-Plattform nimmt ICO Projekte an sich ohne Entgelt auf. Doch wer unter den tausenden ICOs hervorstechen möchte, zahlt. Unseren Recherchen zu folge verteuerte sich das beste Werbepaket auf ICO Bench innerhalb eines Monats (Februar zu März 2018) von 1 Bitcoin über 1,7 bis zu 2,1 Bitcoin, ohne dass eine messbare Leistung garantiert wurde.

Drei Millionen Besuche zählt ICO Bench pro Monat und ist damit die wichtigste Ratingseite. In den vergangenen Wochen kam die aus Russland stammende Seite medial immer mehr unter Druck. Der Vorwurf: Täuschung der Öffentlichkeit. ICO Bench hat keine eigenen Rating-Experten unter Vertrag. Vielmehr kann sich jeder zum Experten benennen, der sich auf der Seite anmeldet. 340 selbst ernannter Experten gibt es auf der Seite. (siehe dazu die Rangliste: https://icobench.com/experts)

Auf Rang Nummer 1  ist ein ehemaliger Fundraising Coordinator des Roten Kreuzes. Er hat innerhalb eines Monats (15.5.-14.6.2018) sage und schreibe 44 ICO Projekte bewertet. Seine durchschnittliche Bewertung liegt bei 4.4 von 5. Das sind satte 88%. Das übertrifft den schon hohen Durchschnittswert aller Ratings von 78%. Der statistische Durchschnitt sollte eigentlich bei 50% liegen.

Wir sehen, die Ratings sind mit statistisch hoher Wahrscheinlichkeit übertrieben. Dazu kommt, dass gerade die Nummer 1 der Rater in den vergangenen Monaten bei 47 ICO Projekten die bezahlte Rolle eines Advisors innehatte. Unsere Recherchen ergaben, dass die Top ICO Advisor (die auch gleichzeitig die Top Rater auf ICO Bench sind) zwischen einem Bitcoin und 40.000 US-Dollar als Anzahlung sowie einen Anteil am Einspielergebnis in Ether und/oder Projekttoken bekommen. Doch für welche Leistung? Und welche Leistung kann jemand erbringen, der bis zu 15 Projekte gleichzeitig vertritt?

Wer diese Berater anfragt, erhält zumeist ein Bulletpoint-Menü an potentiellen Leistungen. Bei nahezu jedem der Top-Advisors steht als Hauptleistung „der exzellente Name des Advisors“ sowie zig-tausend Linkedin-Kontakte.

ICO Bench kommt der Gefahr von Interessenskonflikten zuvor und verbietet Ratings durch beim Projekt aktive Advisor. Doch reicht das? Das Magazin Tokenicide kommt zu einem anderen Schluss:

„Mehrere Gründer von Blockchain-Startups erzählten uns, dass sie das Gefühl bekamen, einen oder sogar mehrere der Top-Berater engagieren zu müssen, um bei ICO Bench gute Ratings zu bekommen.“

Tokenicide zeigt am Beispiel des aktuellen ICOs von eInc, dass gleich sieben der Top Rater auf ICO Bench als Berater engagiert hat. Mit drei davon hat der Autor gechattet und konnte zwar ganz schnell herausfinden, was die Beratungstätigkeit kostet, aber nicht, was das ICO Projekt dafür bekommt.

Tokenicide zeigt, wie ICO Projekte übermäßig hohe Bewertungen von Top Experten bekommen, wenn dort schon andere Top Advisors unter Vertrag sind und stellt die Behauptung auf, dass sich die Berater gegenseitig gute Ratings ausstellen.

Wo ICO-Journalismus käuflich ist

Zugegeben, es ist sehr schwer herauszufinden, welcher ICO das Investment wert ist. Dafür gibt es ja auch Journalisten. Doch da in traditionellen Medien zumeist nur von fallenden oder steigenden Bitcoinkursen berichtet wird, gibt es noch ein Vakuum in Recherche und Berichterstattung. Marktschreierische Youtuber haben sich in dieser Nische eingenistet. Sie erzählen ihrem Publikum von den neusten ICOs. Manche tun dies so schlecht, dass sie einfach die ICO Webseite ablesen. Andere geben sich mehr Mühe. „Schick mir das Whitepaper, den Rest mache ich schon“ bekommt der Autor auf Anfrage zu lesen.

Wir haben über 50 Youtuber angeschrieben und erhielten 15 Angebote, Videoreviews des ICOs zu machen. Für das Ablesen der ICO Webseite zahlt man zwischen 2 und 5 Ether, für Youtuber mit 50.000 Followern sind bis zu sechs Bitcoin fällig.

Der 105.000 Dollar Tweet

In der Liste der schmutzigen ICO Tricks darf John McAfee nicht fehlen. Der Erfinder der Antiviren-Software McAfee ist früh auf den ICO-Zug aufgesprungen und hat die Marktmacht seiner 800.000 Twitter-Follower dazu genutzt, Preise von Coins (angeblich) zu manipulieren und ICOs zu hypen. Zuerst veröffentlichte er täglich eine Kryptowährung, die er gut fand. In den Sekunden und Minuten nach dem Post schnellte der Kurs der jeweiligen Währung auf das Doppelte und mehr hoch, nur um kurz danach wieder stark zu fallen. Gewinn machten jene, die in den Tagen zuvor langsam und stetig die gehypten Coins gekauft hatten.

Nachdem diese Pump & Dump-Masche nicht mehr zog, verlegte sich McAfee darauf, „strategischer Berater“ vielversprechender ICOs zu werden. Im Gegensatz zu den ICO Bench Advisorn gab McAfee jedoch zu, dass seine Tätigkeit ausschließlich darin bestand, Tweets über die ICOs abzusetzen. Im April 2018 gab McAfee zu, 105.000 Dollar für einen Tweet zu verlangen.

Nun ist es ICO Investoren klar, dass ein McAfee Tweet nichts darüber aussagt, ob ein Projekt vielversprechend ist oder nicht. Doch, so geht der Gedanke, „wenn McAfee darüber tweetet, dann werden viele Dumme investieren. Wenn viele investieren, dann ist das ein gutes Investment. Also investiere ich auch.“

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Jeder Berater, Youtuber und Blogger schreibt am Schluss: DYOR – Do your own research (recherchiere selbst). Lernen wir also, die Tricks der ICO Industrie zu erkennen:

  • Zu große Preis-Boni für ausgewählte Gruppen
  • Unnatürlich hohe Bewertungen bei ICO Bench
  • Viele Berater, bei denen nicht klar ist, was sie tun
  • Youtube ICO reviews, die nur positiv und oberflächlich sind
  • McAfee Tweets

All diese Merkmale zeigen nicht, dass ein Projekt unbedingt betrügerische Absichten hat. Doch es stellt sich die Frage, ob wirklich gute Projekte zweifelhafte Methoden notwendig hat.


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